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Die Augen weiden lassen…

Neulich stand das Bundeshaus auf dem Programm der Urban Sketcher Bern, um am Tag der offenen Türe zwei volle Stunden durch das Bundeshaus zu schlendern, auf der Suche nach einem geeigneten Motiv.
Es standen zur Auswahl: Bögen, Durchblicke, Statuen, Aufgänge, Säulen! Ganz abgesehen vom Glanz der Einrichtung. Jedes einzelne Detail wäre eine Skizze Wert gewesen. Nach einer halben Stunde befand sich eine halbherzige Skizze vom Blick aus der Wandelhalle in die Berge im Skizzenbuch.

„Denk an das Manifest der Urban Sketcher: Wir bezeugen unsere Umwelt wahrhaftig.“ zwitscherte der Kontrolleur auf der Schulter fröhlich ins Ohr. „Das schaffst du nie! Wenn’s hoch kommt, vielleicht ein Detail, eine Palme mit Stuhl in der Wandelhalle. Ist ja auch schön…“
Es sollte aber keine Palme und auch kein Stuhl sein. Es musste „Das Bundeshaus“ sein.

Bei der Türe zum Bundesrat-Sitzungszimmer blitzte ein Kronleuchter hervor. „Warum nicht ein Kronleuchter, was meint der Kontrolleur dazu?“
„Versuch’s doch. Wieviele Birnen und Glasperlen hat er denn? abgesehen davon, wie du den Glanz aufs Papier bringen willst. Und denk daran: Wir zeichnen vor Ort, drinnen oder draußen, nach direkter Beobachtung!“
Diese inneren Gespräche kennen alle, die mit Block und Bleistift unterwegs sind. Sie kennen ihren persönlichen Kontrolleur bestens, verscheuchen ihn kurzfristig und, wenn sie glauben er sei weg, flüstert er ins andere Ohr: „So nicht, das stimmt jetzt gar nicht, das kannst du besser!“

Es gibt dagegen ein Rezept: Intuitives Zeichnen
Direkte Beobachtung heisst ja nicht, dass das Motiv so aussehen muss, wie es in Wirklichkeit vorhanden ist. Es kann auch bedeuten, dass ich ein Motiv so zeichne, wie ich es spüre, wie es mir mein Gefühl vermittelt.
Wenn ich also einen Blick in das Zimmer mit dem Kronleuchter werfe, versuche ich nicht, die Birnen auf dem Leuchter zu zählen. Ich überlege was mir an der Situation auffällt. Ich lasse meine Augen weiden:
– Eine riesige, verzierte Türe weist in das Zimmer.
– Es sind verzierte Sessel um einen Tisch angeordnet. Vom Tisch sehe ich nicht viel.
– Im Hintergrund sehe ich schwere Vorhänge, eine verzierte Uhr in einer Nische und Verzierungen an den Wänden.
– Die dominierenden Farben sind Rot und Braun und helle Lichter vom Leuchter und vom Fenster.
Ich beginne also mit dem Eingang und
– setze die Türe als Rahmen. Um die Höhe der Türe zu zeigen, verziehe ich sie in Richtung des Fluchtpunktes nach oben.
– Danach kommt das Hauptmotiv, der Leuchter, an die Reihe. Ich suche in all den Details eine grosse, äussere Form. Sie scheint mir etwas „birnenförmig“ und enthält viel kleine, herabhängende, „tropfenförmige“ Details. Ich zähle sie nicht.
– Im Hintergrund deute ich durch verschiedene Ecken die Wände mit den Fenstern und den schweren Vorhängen an.
– Dazwischen setze ich in einer Wand die Nische mit der Uhr.
Zum Schluss muss noch die Ortsbezeichnung aufs Blatt. Immerhin ist es das Sitzungszimmer vom Bundesrat.
Fertig!
Nach diesem Prinzip schlendere ich nun weiter durch das Parlamentsgebäude. Mein Blick ist nicht mehr auf Details fokussiert, sondern auf Situationen:
Die verwinkelten Treppen in der Eingangshalle stellen kein perspektivisches Problem mehr dar und die „Wächter“ bei den Treppenaufgängen sind einfach irgendwelche Statuen aus der Ferne gesehen. Nicht anders als die anwesenden BesucherInnen.

Im Nationalratssaal fallen das Wandgemälde, die Schweizerfahne, die im Halbrund angeordneten Sitze, so wie die Säulengalerie ins Auge

Unterwegs in die oberen Etagen trifft man auf riesige Statuen, die aus der Nähe kaum zu erfassen sind. Das macht aber nichts. Dem Fotografen half das Objektiv, mir hilft wieder einmal der Fluchtpunkt in der Senkrechten und schon sind auch diese drei Eidgenossen im Bild.

Das ging ja nun rasch und der Kontrolleur hat sich nicht ein einziges Mal gemeldet. Vielleicht war ich zu sehr mit meinem Gefühl für die Situation beschäftigt? Das Augen-weiden-lassen hat den Vorteil, dass die Informationen über die Augen kommen und nicht vom Gehirn gefiltert werden, sondern direkt über das „Bauchgefühl“ zur Hand weitergeleitet werden.

Apropos Bauchgefühl: Nach einer Stunde intuitivem Skizzieren kam zufällig das „Zeitungszimmer“ des Weges. Andernorts heisst dieses Cafeteria. Ein Unterschied besteht nicht, der Kaffee ist gut und zwei weitere Skizzen sind noch hinzugekommen.

Damit sind die zwei Stunden herum und, wenn gemäss Urban Sketcher Manifest die Umwelt nicht zu 100% wahrhaftig bezeugt wurde, hat der Besuch Spass gemacht. Ohne Fotoapparat.

Schnelles Skizzieren unterwegs bedeutet auch: Die Augen weiden lassen. 

Die “Autorität“ auf der Schulter…

Thema: Herbstfarben, Texte, Landschaft
Inhalt: Der Friedhof, ein Ort der Ruhe und des Loslassens. Ideal um sich zu finden.

Die Möglichkeit war gegeben, sich durch die wunderbaren Wortkombinationen von “Mes:arts“ (https://mesarts.ch/zeitloslassen2019.html) im Schosshalden Friedhof inspirieren zu lassen und sie – solange es das Tageslicht zuliess – mit den Herbstfarben zu kombinieren.

Die Durchsicht meines Skizzenblocks zeigt mir aber 615-544-7289 , dass das Hauptthema des gestrigen Abends wieder einmal die Perspektive war und nicht die einzigartige Stimmung. Darum kommentiere ich ein paar Skizzen, die bei den diversen Gesprächen entstanden sind:

Ausgangsbeispiel war der Schriftzug gleich beim Eingang. Ich benützte ihn, um darauf hinzuweisen, dass es genüge, nur den Schriftzug mit den Bäumen zu skizzieren – und nicht die ganze Umgebung auch noch. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass dadurch der Abend durch das Thema Perspektive besetzt werden würde.
Meine Vorstellung war, wie beim Beispiel “TOR“, dass die Tiefe und der Weg, der dorthin führt, mit den Buchstaben eine reizvolle Skizze geben könnten. Oder die fein strukturierten Birken, mit den orangen Herbstbäumen im Hintergrund, einen interessanten Kontrast ergeben.
Schnelles Skizzieren will in wenigen Strichen einen ersten Eindruck, eine Bildidee festhalten. Alles andere kommt danach, später, zu Hause oder im Hotel, aber in Musse.

Der Begriff “Schnelles Skizzieren unterwegs“ wird oft verwechselt mit “urban sketching“. Wir wollen eben gerade nicht dokumentarisch zeigen, wie die Wirklichkeit ist. Schnelles Skizzieren ist ein Hilfsmittel, um sich an eine persönlich erlebte Situation zu erinnern. Ob daraus später ein Bild entsteht, spielt keine Rolle. Durch die zeichnerische Auseinandersetzung entsteht an Stelle eines Erinnerungsfotos in jedem Betrachter ein ganz persönliches Bild. Jedes sucht sich nach eigenem Empfinden ein Motiv aus und hält es so fest wie er/sie es kann. Dabei sollte die Perspektive nicht den Abend verderben!
Interessanter weise kam beim abschliessenden Zusammensitzen  noch einmal das Thema Perspektive auf.
An der Frage, wie die Tafelrunde “richtig“ perspektivisch festgehalten werden müsste, entstand eine Diskussion über Frontalansicht, Profil- und Halbprofilansichten und, wie solches umzusetzen wäre. Mein Vorschlag (s. nebenan) wurde als Ausweichmanöver kritisiert, weil keine richtige Perspektive.

Man hätte von mir einen Exkurs zur realistischen Darstellung einer Tafelrunde aus der Sicht eines anwesenden Teilnehmers gewünscht.
Der “Autorität“ auf der Schulter hatte sich wieder einmal mit seiner Forderung nach Kontrolle der richtigen Darstellung durchgesetzt.

Schnelles Skizzieren hat nicht den Anspruch auf objektive Richtigkeit, sondern will die subjektive Empfindung einer Situation ausdrücken. Dazu muss man aber seine momentane Empfindung zulassen. Das ist für die meisten sehr ungewohnt und wird im Alltag meistens nicht gewünscht. Umso mehr ist es befreiend, dem Kontrolleur auf der Schulter wenigstens beim Zeichnen ein Schnippchen schlagen zu können.
In diesem Sinne wünsche ich viele entspannte, unkontrollierte Erfahrungen beim Zeichen.

Lügen oder Weglassen?

Warum es uns schwerfällt beim Skizzieren einfach loszulassen – auch dann, wenn wir es uns fest vorgenommen haben.

Mit der Ehrlichkeit ist es so eine Sache. Die Meisten von uns haben gelernt, ehrlich zu sein. Lügen ist bös, verwerflich, macht man nicht. Leider steht uns diese Haltung beim „Schnellen Skizzieren unterwegs“ immer wieder im Weg.
Ich nenne sie den Kontrolleur, der sich auf einer Schulter festkrallt und ständig seinen Kommentar abgibt: „Das stimmt aber nicht“, „das sieht nicht so aus“, „das ist   falsch“, „das ist zu dunkel, zu blau, völlig daneben…“ etc., was manchmal dazu führt, dass wir uns sagen: „Heute ist nicht mein Tag“… oder noch schlimmer: „Ich kann halt nicht zeichnen“.
Beim „Schnellen Skizzieren unterwegs“ geht es nicht ums Porträtieren der Menschen und bei den Übungen geht es schon gar nicht um die Erkennbarkeit. Trotzdem sehe ich immer wieder wie man sich im Kritzeln und Detail-zeichnen verliert. Mag der Kopf noch so klein sein, ein Gesicht muss noch hinein. Ist ja da!

   

   

Ehrlichkeit behindert. Ich will hier nicht zum Lügen aufrufen. Wir zeichnen nichts 615-544-4827 , was nicht da ist. Aber wir können Unwichtiges weglassen. Auf grosse Distanz sind Gesichter nicht erkennbar und sind trotzdem vorhanden. Wenn wir uns das zwischendurch in Erinnerung rufen fällt es leichter, auch im Nahbereich auf Details zu verzichten.
Einen Baum können wir unmöglich mit allen Blättern darstellen. Darum fassen wir ihn in seiner grossen Form zusammen. Vielleicht zeigen wir, ob es sich um einen Nadelbaum oder um einen Laubbaum handelt. Wen interessiert schon, ob dies nun genau DER Baum ist, den wir skizziert haben oder ein völlig anderer.
Beim Menschen könnte es gleich funktionieren, aber wir sind darauf abgerichtet, dass wir uns von einander unterscheiden können. Hans M. muss doch erkennbar sein. Wenn Hans M. aber ein Asiate ist, schweigt der Kontrolleur auf der Schulter und wir können problemlos nur die grobe Form zeichnen.
Einwand des Kontrolleurs: Ein Mensch bleibt ein Mensch mit bestimmten Proportionen. Egal ob Europäer, Asiate oder ein Mensch aus einem anderen Kontinent. Wenn die Arme zu lang , der Kopf zu gross, die Beine zu kurz sind, stimmt die Zeichnung nicht. Basta. Neu machen!
Was der Kontrolleur nicht weiss und wir beim Skizzieren auch immer wieder aus den Augen verlieren ist, dass unser Anliegen nicht die WAHRE Darstellung einer Situation ist und wir nicht fotografieren sondern eine Stimmung oder eine Situation erfassen wollen. Wir lügen nicht, wenn wir einen Baum nur als grobe Form darstellen, also lügen wir auch nicht, wenn wir eine Menschenansammlung wie eine Wagenladung Kohlköpfe darstellen.
Wir lassen einfach Unwichtiges weg.

Einwand des Kontrolleurs: Aber der Strich! Ein Körperteil ist nicht beliebig dick, lang, gebogen. Das muss stimmen!
Antwort wie oben.
Wir dürfen einen Arm nur grob darstellen. Bei der Ellenbogenbeuge knittert der Stoff. Wieviele Falten es sind, interessiert uns nicht. Wichtig ist die grobe Darstellung der Falten. Mit einem lebendigen Strich deuten wir Falten an und unterschlagen die genaue Anzahl. Dies ist WEGLASSEN nicht LÜGEN.

Wie bei Papageien gibt es ein Mittel Telephone Area 600 , um solche Schwätzer wie den Kontrolleuren auf der Schulter zum Schweigen zu bringen: Man hängt ihnen ein Tuch über den Käfig.
Mit dem Ausschalten des Kontrolleurs setzen wir uns in den Experimentiermodus:
Nichts ist wichtig. Wir geniessen die Freude am Zeichnen und arbeiten unbeschwert, hemmungslos und vor allem unkontrolliert drauflos. Danach legen wir die Arbeit beiseite, lassen sie liegen, bis die Erinnerung an die Situation etwas verblasst ist. Nach drei bis vier Tagen oder auch schon am nächsten Morgen, schauen wir sie wieder an.
Das Tuch auf dem Käfig vorher NICHT entfernen!
Der Kontrolleur hat nichts zu suchen, denn wir wollen uns an gelungenen Stellen erfreuen. Wir stellen fest, dass irgendwo eine gelbe Farbe vorhanden ist, die nicht geplant war, aber nun – aus der Distanz – ganz gut hinein passt. Details, die wir so nicht VOR-gesehen hatten, passen plötzlich ins Bild, obwohl sie so nicht vorhanden waren.

Nach ein paar Tagen hat der Kontrolleur keine Chance mehr sich zu äussern. Er war ja nicht dabei und kann nicht beurteilen, ob wir nun gelogen oder nur weggelassen haben.


 

Fragen und Antworten zum Merkblatt MB 14_19

Fragen, die gestern im Laufe des Abends auftauchten
Frage:
Ich meinte, man müsse, die Skizzen in schwarz weiss machen. Nun malen aber doch die meisten mit Farbe. Habe ich etwas falsch verstanden?
Antwort: Nein, gedacht war tatsächlich, die Skizzen mit schwarz zu akzentuieren. Als ich aber ins ‚Atelier‘ hinunter kam, hatten die meisten (wie immer) mit Aquarell begonnen. Der Fehler liegt bei mir. Ich hätte früher eingreifen müssen. Farbig können auch Akzente gesetzt werden, aber das ist etwas schwieriger, als nur mit schwarzer Tinte/Tusche.

Frage: Wie viel Zeit steht mir für eine schnelle Skizze zur Verfügung?
Antwort: 10 Minuten um dich zurechtzufinden, wo du dich aufhältst (Z.B. zum ersten Mal auf der Dachterrasse beim Manor) und zu spüren, was dich anspricht –> Motiv finden.
10 Sekunden um die Briefmarke (Kompositionsstudie) zu machen. 1 Minute für die schnelle Skizze.
Total 11 Minuten und 10 Sekunden. Länger bleibt auch eine Gruppe nicht am selben Ort stehen.
Zu Hause, im Hotel oder Atelier hast du danach beliebig Zeit zum Ausarbeiten.

Frage: Muss ich die Briefmarke für jede Skizze machen?
Antwort: Ja. Sie hilft dir, alles wegzulassen, was dich nicht interessiert.

Frage: Wie weiss ich 615-544-5277 , was ich weglassen darf?
Antwort: Mach einen Test. Schaue dein Motiv zehn Minuten lang an, dreh dich um und zeichne es aus der Erinnerung. Was du noch weisst, hat dich wirklich interessiert. Den Rest kannst du weglassen.

Frage: Es heisst, beim Aquarellieren solle man viel Weiss stehen lassen, weil dies das Licht darstellt. Was kann ich tun, wenn ich zu viel dunkle Akzente gesetzt habe?
Antwort: Du kannst mit einem weissen Gel-Stift oder mit einer Pigmentkreide (von Caran d‘ Ache) Glanzlichter wieder aufsetzen. (PS die Gewitterstimmung ist bewusst dunkel gehalten).

Frage: Was mache ich falsch, wenn meine Aquarelle fad und flach wirken?
Antwort: Nichts. Du bist einfach noch nicht fertig. Für den nächsten Schritt nach der ersten Untermalung braucht es etwas Mut. Die Untermalung ist meist noch unverbindlich.Wenn du beginnst, Akzente zu setzen, triffst du Entscheidungen, die du ev. nicht vorher sehen kannst.
Mit jeder ‚falschen‘ Entscheidung machst du aber wieder eine neue Erfahrung u.s.w.