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Trailrunning Ü70

…oder wie ein Wanderprojekt Ü 70 aus dem Ruder laufen kann.

Nach dem 10. Jungfraumarathon wurde es langsam Zeit*, sich neue Ziele zu stecken.

(*Altershalber, wegen abnehmender Kondition, weil es ja noch viele andere schöne Ecken und Grate im Berner Oberland hat und weil sich mittlerweile viele Finishershirts im Schrank angesammelt haben, die auf ’neutralem‘ Boden getragen werden wollen).

Seit ich zum ersten Mal die Lobhornhütte besuchte, etwa 2006? interessierte mich zunehmend, woher der Weg kommt, der vom Schärihubel herab zur Lobhornhütte führt. Erste Studien auf der Karte zeigten einen Weg, der von Bällenhöchst her irgendwie durch Felsen, Geröll und Abhänge führt.
Es blieb nichts anderes, als eine Besichtigungstour übrig. Die Traverse Richtung Bällenhöchst entpuppte sich als gut begehbarer Wanderweg – zwar in leicht abschüssigem Gelände – aber nicht als schwierige Passage. Gleichzeitig tauchte bereits die Frage auf, wohin der Weg, nach der Alp Ausserbällen, weiter führt? Saxeten war mir bekannt. Die Fahrt von Bern über Wilderswil nach Saxeten schien mir jedoch etwas aufwändig als Zugang zur Lobhornhütte.

Die Entdeckung des Rengglipasses, als Nebenprodukt einer Biketour über das Latrejefeld ins Kiental, brachte die Antwort: Die Strecke vom Suldgraben über den Rengglipass nach Saxeten und von da über Bällenhöchst in die Lobhornhütte müsste eigentlich eine abwechslungsreiche Wanderung ergeben.

So weit die Idee im Hinterkopf.
Irgendeinmal mutierte die Idee im Hinterkopf zu einer fixen Idee auf der ‚to do Liste‚ des pensionierten, ehemaligen Bergläufers.  Jungfraumarathon, Schilthornhalbmarathon und Blüemlisalplauf waren definitiv keine Ziele mehr. Aber eine längere Strecke joggend  – soweit möglich – zurückzulegen, könnte immerhin ein Trainingsziel sein?
Eine neue, altersgerechte Herausforderung war geboren.
Die Idee wurde zum Ziel, der warme, ausdauernd schöne Sommer 2018 half mit, das Training durchzuziehen.
Vermutlich wäre ich heute noch am Trainieren, hätte nicht ein plötzliches Zwischentief Schnee bis 1800 m gebracht. Der Anblick der frisch eingeschneiten Bergspitzen holte die Realität ins Training zurück… Es galt, plötzlich dringend, die Planung des Unternehmens Trailrunning Ü70 in die Tat zu überführen.

  1. Variante
    Zweitagestour von Mülenen nach Mürren, mit Übernachtung in der Lobhornhütte. Am zweiten Tag käme ev. eine Begleitung ab der Lobhornhütte in Frage. Durch deren Anfahrt nach Lauterbrunnen wäre auch gleich eine Rückfahrmöglichkeit gegeben.
    Leider hatte niemand meiner (noch nicht pensionierten) Joggingfreunde Zeit oder Lust oder Ausdauer, mitzumachen.
  2. Variante
    Zweitagestour wie in Variante 1, aber der zweite Tag verbunden mit einer Wanderung, statt einer Joggingtour. Die Auswahl an Begleiter*innen würde so um etliches grösser, war der Gedanke.
    Leider… unter der Woche nicht realistisch. Vielleicht am Wochenende etc.
    Das Wetter wurde zusehend unstabil, die Temperaturen gingen zurück, die Zeit drängte langsam, wenn das Unternehmen Trailrunning Ü70 noch in diesem Jahr gestartet werden sollte.
    Ich entschied mich, beim nächst möglichen Wetterfenster alleine zu starten. Zeit- und Fahrplan waren rasch erstellt. Nun noch die Buchung in der Lobhornhütte und das Abenteuer konnte beginnen.
    Leider war genau an diesem Montag, die Lobhornhütte ausgebucht. Ab Dienstag wäre eine Übernachtung wieder möglich…
    Leider waren für Mittwoch (zweiter Tag) bereits wieder Gewitter angekündigt.
  3. Variante
    Warum nicht die Strecke in einem Tag laufen? Früher lagen 20 bis 30 Kilometer auch drin? Dem Skeptiker auf der rechten Schulter hielt ich entgegen, dass ich mit dem Postauto bis Pochtenfall im Suldtal fahren könne, statt bereits ab Mülenen zu laufen. Und anstatt bis Mürren, wäre ja auch nur bis Grütschalp eine Variante. So könnte ich mir den Weg von Mürren mit Bahn und Postauto einsparen, was auch zeitlich eine Abkürzung wäre.
    Die Detailplanung der dritten Variante zeigte, dass die Tour mit folgender Strecke in einem Tag möglich sein sollte:
    Zug und Postauto bis Hotel Suld
    Laufstrecke von Suld über Pochtenfall, Mittelberg, Rengglipass, Saxeten, Ausserbällen, Bällenfurgge, Lobhornhütte nach Grütschalp
    Gondelbahn nach Lauterbrunnen
    Familientaxi zurück nach Bern
    Total 25 Km
    Leider fährt unter der Woche das Postauto nur bis Aeschiried… = zusätzlich 4 Km
    Leider konnte ein Familientaxi entweder nur bis 17:00 Uhr oder das andere, gebuchte, erst ab 19:00 Uhr den Transport durchführen. Darum konnte ich – zeitlich gesehen – problemlos den restlichen Weg von der Grütschalp nach Lauterbrunnen auch noch zu Fuss machen. Ich kannte ihn bereits gut in der anderen Richtung. Und bergab geht ja alles wesentlich einfacher… Das zur Beruhigung des Skeptikers auf der rechten Schulter. Die zusätzlichen 2.5 Km verschwieg ich ihm.

Am Ende war es eine wunderschöne Tagestour, mit vielen Selbsterfahrungen und neuen Erkenntnissen. Zum Beispiel eine Erkenntnis zur Milchpreisentwicklung.
Ein Liter Milch kann auf dem Weg zum Konsumenten in viele Unterprodukte aufgeteilt werden. Er wird zu Pastmilch, Magermilch, Yoghurt, Rahm, Butter oder Käse verarbeitet. Anteilsmässig zusammengerechnet kommt so ein Liter Alpmilch, am Ende der Produktionskette, problemlos auf einen Preis von zwölf Franken.

„Warum also soll ein halber Liter Milch, frisch gemolken, fünfzig Zentimeter neben der Kuh, auf einer Alp nicht 6 Franken kosten?“ wird sich die Zusennin gefragt haben, als ich meine eben genussvoll getrunkene kuhfrische Bergmilch bezahlen wollte.

Ich habe den Preis gern bezahlt, weil ich schon sehr lange keine so gute Milch mehr getrunken habe, als Unterstützung der Alpwirtschaft und weil mir im Tal unten für 1.5 lt Mineralwasser regelmässig Fr.10.50  oder für einen Kaffe Fr. 5.- abgeknöpft werden.

Die Frage nach meinem nächsten Projekt kann ich leider noch nicht beantworten. Ich bin aber sicher, dass sich mein Optimist auf der linken Schulter bald wieder melden wird.

 

Eckdaten:
Datum: 27.8.2018
Start: 09:00 Uhr Aeschiried Postautoendstation
Ankunft 18:41 Uhr Lauterbrunnen Dorfstrasse
Distanz: 31.44 Km
Laufzeit in Bewegung: 7:05.21
Gesamtzeit: 9:41.31
Positiver Höhenunterschied: 2’577 m
Negativer Höhenunterschied: 2’783 m
Durchschnittliche HF: 127
Max. HF 153
Kalorienverbrauch gesamt: 2’940
Durchschnittliches Tempo in Bewegung: 13:45 min/km
Kosten: Billett bis Aeschiried 1/2 Tax Fr. 11.20; 1/2 lt Alpmilch Fr. 6; 1/2 lt OVO + Früchtekuchen mit Rahm Fr. 17.-; Taxi von Lauterbrunnen nach Bern ‚tangge afig‘.

Link zur Karte mit der Tour