Archiv für den Monat: August 2019

Lügen oder Weglassen?

Warum es uns schwerfällt beim Skizzieren einfach loszulassen – auch dann, wenn wir es uns fest vorgenommen haben.

Mit der Ehrlichkeit ist es so eine Sache. Die Meisten von uns haben gelernt, ehrlich zu sein. Lügen ist bös, verwerflich, macht man nicht. Leider steht uns diese Haltung beim „Schnellen Skizzieren unterwegs“ immer wieder im Weg.
Ich nenne sie den Kontrolleur, der sich auf einer Schulter festkrallt und ständig seinen Kommentar abgibt: „Das stimmt aber nicht“, „das sieht nicht so aus“, „das ist   falsch“, „das ist zu dunkel, zu blau, völlig daneben…“ etc., was manchmal dazu führt, dass wir uns sagen: „Heute ist nicht mein Tag“… oder noch schlimmer: „Ich kann halt nicht zeichnen“.
Beim „Schnellen Skizzieren unterwegs“ geht es nicht ums Porträtieren der Menschen und bei den Übungen geht es schon gar nicht um die Erkennbarkeit. Trotzdem sehe ich immer wieder wie man sich im Kritzeln und Detail-zeichnen verliert. Mag der Kopf noch so klein sein, ein Gesicht muss noch hinein. Ist ja da!

   

   

Ehrlichkeit behindert. Ich will hier nicht zum Lügen aufrufen. Wir zeichnen nichts, was nicht da ist. Aber wir können Unwichtiges weglassen. Auf grosse Distanz sind Gesichter nicht erkennbar und sind trotzdem vorhanden. Wenn wir uns das zwischendurch in Erinnerung rufen fällt es leichter, auch im Nahbereich auf Details zu verzichten.
Einen Baum können wir unmöglich mit allen Blättern darstellen. Darum fassen wir ihn in seiner grossen Form zusammen. Vielleicht zeigen wir, ob es sich um einen Nadelbaum oder um einen Laubbaum handelt. Wen interessiert schon, ob dies nun genau DER Baum ist, den wir skizziert haben oder ein völlig anderer.
Beim Menschen könnte es gleich funktionieren, aber wir sind darauf abgerichtet, dass wir uns von einander unterscheiden können. Hans M. muss doch erkennbar sein. Wenn Hans M. aber ein Asiate ist, schweigt der Kontrolleur auf der Schulter und wir können problemlos nur die grobe Form zeichnen.
Einwand des Kontrolleurs: Ein Mensch bleibt ein Mensch mit bestimmten Proportionen. Egal ob Europäer, Asiate oder ein Mensch aus einem anderen Kontinent. Wenn die Arme zu lang , der Kopf zu gross, die Beine zu kurz sind, stimmt die Zeichnung nicht. Basta. Neu machen!
Was der Kontrolleur nicht weiss und wir beim Skizzieren auch immer wieder aus den Augen verlieren ist, dass unser Anliegen nicht die WAHRE Darstellung einer Situation ist und wir nicht fotografieren sondern eine Stimmung oder eine Situation erfassen wollen. Wir lügen nicht, wenn wir einen Baum nur als grobe Form darstellen, also lügen wir auch nicht, wenn wir eine Menschenansammlung wie eine Wagenladung Kohlköpfe darstellen.
Wir lassen einfach Unwichtiges weg.

Einwand des Kontrolleurs: Aber der Strich! Ein Körperteil ist nicht beliebig dick, lang, gebogen. Das muss stimmen!
Antwort wie oben.
Wir dürfen einen Arm nur grob darstellen. Bei der Ellenbogenbeuge knittert der Stoff. Wieviele Falten es sind, interessiert uns nicht. Wichtig ist die grobe Darstellung der Falten. Mit einem lebendigen Strich deuten wir Falten an und unterschlagen die genaue Anzahl. Dies ist WEGLASSEN nicht LÜGEN.

Wie bei Papageien gibt es ein Mittel, um solche Schwätzer wie den Kontrolleuren auf der Schulter zum Schweigen zu bringen: Man hängt ihnen ein Tuch über den Käfig.
Mit dem Ausschalten des Kontrolleurs setzen wir uns in den Experimentiermodus:
Nichts ist wichtig. Wir geniessen die Freude am Zeichnen und arbeiten unbeschwert, hemmungslos und vor allem unkontrolliert drauflos. Danach legen wir die Arbeit beiseite, lassen sie liegen, bis die Erinnerung an die Situation etwas verblasst ist. Nach drei bis vier Tagen oder auch schon am nächsten Morgen, schauen wir sie wieder an.
Das Tuch auf dem Käfig vorher NICHT entfernen!
Der Kontrolleur hat nichts zu suchen, denn wir wollen uns an gelungenen Stellen erfreuen. Wir stellen fest, dass irgendwo eine gelbe Farbe vorhanden ist, die nicht geplant war, aber nun – aus der Distanz – ganz gut hinein passt. Details, die wir so nicht VOR-gesehen hatten, passen plötzlich ins Bild, obwohl sie so nicht vorhanden waren.

Nach ein paar Tagen hat der Kontrolleur keine Chance mehr sich zu äussern. Er war ja nicht dabei und kann nicht beurteilen, ob wir nun gelogen oder nur weggelassen haben.